Fahrendes Volk

Vagabundität


Noch schlimmer als der Bettel ist die weit verbreitete Vagabundität, als sehr oft verbunden oder wenigstens verwandt mit Gaunerei, eine der drückendsten Landplagen und schwersten Gefährdungen der Bewohner von Gegenden, wo besondere Umstände oder Lokalverhältniffe die Landstreicher begünstigen. Aber bei allem dem ist gleichwohl die Härte, womit man gewöhnlich die Vagabunden oder überhaupt die Heimathlosen behandelt oder früher behandelt hat, ungerecht und grausam. Der Begriff der Heimathlosigkeit ist ein anderer bezogen auf eine Gemeinde, und ein anderer bezogen auf den Staat. Staatsbürger oder Staats-Angehörige sind die, trotz der Ungewißheit des Ortes ihrer Geburt, durch faktischen Aufenthalt, durch Sprache oder irgend einen andern Faden der Verbindung einem Staate Zugewiesenen, überhaupt alle auf einem Staatsgebiete Betretenen, die nicht erweislich einem andern Staate angehören. So lange nun diesen Unglücklichen kein bestimmtes Heimathrecht in einer Gemeinde angewiesen, und so lange ihnen nicht Gelegenheit zul ernährenden Arbeit dargeboten wird, kann ihr unstätes Leben nicht als Verbrechen gelten. Nur die Gewährung eines (den Gemeinden übrigens nicht drückend zu machenden, sondern an gesetzlich zu bestimmende, gerechte Titel zu bindenden) Heimathrechtes und die Errichtung von freiwilligen Arbeitshäusern, worin «jeder zeitlich ohne Arbeits-Verdienst sich Befindende den nothdürftigen Unterhalt sich erwerben kann, macht ein strenges Verfahren gegen Landläufer oder Vagabunden zuläßig; das rücksichtslose Hin- und Herschieben, oft auch harte Bestrafen der, ohne ihre Schuld zur Landstreicherei durch ihre Lage Verurtheilten, ist eine Beleidigung heiliger Menschenrechte.




(Quelle: Lehrbuch des Vernunftrechts und der Staatswissenschaften, Band 3 / von Carl von Rotteck / 1834)

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