Fahrendes Volk

Trimards



trimard1920.jpg Trimard 1920

Die Trimards sind bettelnde Vagabunden, die sich besonders darauf verstehen, ohne Arbeit durch die ganze Welt zu reisen. Sie leben von Almosen, von kleinen Schmarotzereien und harmlosen Diebstählen. Auf den Dampfern reisen sie als blinde Passagiere, auf den Eisenbahnen zwischen den Achsen der Güterzüge, beuten die Wohltätigkeitsvereine sowie die Kassen der Konsulate aus und rühren das Herz der im Ausland lebenden Landsleute. Es kommt ihnen aber auch nicht darauf an, sich je nach Bedarf als Angehörigen einer anderen Nation auszugeben. Ebenso leichthin wechseln sie ihre Glaubensbekenntnisse, sei es nun, daß sie einen Priester, einen Pastor oder einen Rabbiner vor sich haben. Sie haben das Vagabundieren und die Bettelei zu einer hohen Kunst entwickelt. Niemals geben sie zu, daß sie Habenichtse sind, stets sind sie nur vorübergehend ins Unglück geraten, haben durch irgendeinen Zufall ihre Arbeit verloren, oder wurden um ihr Gepäck gebracht. Vor Sportsleuten spielen sie den Sportler, vor Revolutionären den Umstürzler, vor Betschwestern den braven altmodischen Bürger. In den meisten Fällen sind sie von besserer Herkunft, halten sich sauber, kleiden sich einfach und lieben es, sich durch Bärte und Brillen ein professorales Aussehen zu geben. Durch lange Erfahrungen haben sie es fabelhaft raus, die lieben Nächsten zu beschwatzen und auszunutzen. Alles ist ihnen willkommen, nicht nur Geld, weil alles verkäuflich ist, seien es nun Lebensmittel, getragene Kleider oder sogar Bücher und Arzneimittel. Auch gute Empfehlungen sind von ihnen begehrt. ... Sie verfolgen in den Zeitungen die Heiratsanzeigen, die Todesfälle, die Geburts- und Namenstage, die Gewinnlisten der Lotterien und die Ankunft von Verwandten, die von weither kommen, und stellen sich unweigerlich dann und dort ein, wo niemand ein Almosen verweigern wird. Ein jeder verfaßt einen schriftlichen Bericht über seine interessantesten Fälle und händigt ihn, ehe er die betreffende Stadt verläßt, einem Mitgliede der Gesellschaft aus, das ständig in der größten Stadt des betreffenden Landes wohnt und für ein bestimmtes Gebiet als Leiter und Vertrauensmann zuständig ist. Durch den Austausch ihrer Erfahrungen wissen sie genau, an wen sie sich in diesem und jenem Ort wenden, bei wem sie wohnen und Vorschuß bekommen können, wo sie mit getragenen Kleidern und Wäsche versorgt werden, wo ihnen in Krankheitsfällen und bei Scherereien mit der Polizei geholfen wird. Der Hauptsitz der Vereinigung befand sich damals in Berlin, die Vereinssprache hingegen war nach dem Vorbild der Diplomatie das französische, allerdings reich durchsetzt mit Vokabeln ihrer eigenen Gaunersprache. ... Die Mitglieder setzten sich hauptsächlich aus Belgiern, Franzosen, Deutschen, Russen, Juden, Engländern und besonders auch vielen Österreichern zusammen. Italiener und Spanier hingegen traf man seltener.





(Quellenverweis: http://www.reisegeschichte.de/)

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