Fahrendes Volk

Kundenschall

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Mehr als heute zeichneten sich Kunden und Vagabunden durch die Benutzung einer eigenen Sprache aus; genauer: eines eigenen Vokabulars, denn die zugrundeliegende Grammatik bleibt deutsch. Da werden dem Deckel (Polizisten) die Fleppen (Papiere) gezeigt, geriebene Kunden wissen immer eine lohnende Schiebung, kennen gebefreudige Winden oder putzen ein Dorf so lange, bis sie den Schlummerkies für die nächste Nacht in der Penne und den Abend in der Weinbeize zusammen haben.
Die Kundensprache (das Rotwelsche) ist bereits seit 1250 bekannt:
"rot" hieß der lügend und betrügend herumziehende Berufsbettler, als welsch wurden alle unverständlichen Worte und Sprachen bezeichnet (Kauderwelsch). Aber das fahrende Volk wollte ja gar nicht verstanden werden und übernahm aus den unterschiedlichsten Quellen Begriffe und schuf Redewendungen, die die Seßhaften nicht kannten. Im Mittelalter waren die meisten reisenden Kaufleute Juden, so daß viele Worte aus dem Jiddischen stammen. Andere sind der Zigeunersprache entlehnt, viele kommen aus regionalen Dialekten und wieder andere wurden als Metapher benutzt (Der Polizist wurde Deckel genannt wegen seiner deckelförmigen Kopfbedeckung). Das reisende Völkchen bestand aus vielen Gruppen: viele Kesselflicker, Scharfrichter, Henker, Abdecker, Schinder, Büttel, Hausierer, auch Soldaten, Dirnen, Handwerksburschen, Schausteller, Künstler, Pilger waren unter ihnen. Und zwischen den legitimiert Reisenden fanden die Diebe und Trickbetrüger, Bettler und Ganoven, Ausgestoßene und Nicht-Seßhafte ihren Platz. Das Rotwelsch ist die Schöpfung aller rastlos Reisenden, geeint durch die Gemeinschaft der Ausgeschlossenen, jener, die Gesetz und Ordnung aus dem bürgerlichen Stadtleben und der ländlichen Seßhaftigkeit ausschloß. Ausgrenzung und Abgrenzung gaben sich dabei die Hand - auch die Fahrenden hatten ihren Dünkel, sie nannten sich selbst die "Jenischen", das sind die Klugen. Und weil sie klug waren, hatten sie ihre Geheimsprache. Und während sie aus Sicht der Bürgerlichen schon mal "das verbrecherische Proletariat aller Stände" genannt wurden, konnte man sie auch als eigenen Stand neben Adel, Bauern, Bürgern und Handwerkern betrachten, die eben ihre eigene Standessprache benutzten. Die Kunden verwendeten die hochdeutsche Grammatik, jedoch mit liebenswerter Anarchie - jede Regel durfte beliebig gebrochen werden. Deswegen lebte das Rotwelsche und bot Gelegenheit zur Kreativität: "von Geheimnisvollem und kindlich Unentwickeltem, von Umschreibungen und Andeutungen, von Unwahrem, Falschem und Geändertem, von Spott und Ironie, von Aalglattem und Unfaßbarem; sinnlich roh, widerstrebend, kosmopolitisch und strenge sich abschließend, überall verstanden und ohne Heimat."
Die Kundensprache führt zu einer Identität, man fühlt sich verbunden, man versteht sich oder grenzt sich ab. Während Winnig kaum jemals ein Wort der Kundensprache benutzt, pflegen Heinrichs, Pfarre, Schroedel sie ausgiebig und selbstverständlich.
Heute finden sich in der Alltagssprache viele Ausdrücke, die der Kundensprache entstammen, deren Abstammung man ihnen nicht mehr ansieht, die allenfalls als salopp gelten: man grast heute Geschäfte ab, um etwas zu suchen, 1906 bedeutete es, eine Gegend abzubetteln und zu bestehlen. Andere in die Umgangssprache aufgenommene Begriffe sind: Knast, einen Knacks haben, Kneipe, Kluft, Klinken putzen gehen, jemanden hochgehen lassen, pennen, pfiffig sein, Pleite machen, Quadratlatschen, Kaschemme, keinen Bock haben, malochen, Kohldampf schieben, in Schale werfen, verkohlen, u.v.a.m. Hin und wieder gelang es, das fahrende Volk dazu zu bewegen, sich an einem Ort niederzulassen. Dort findet man noch heute die Kundensprache besonders ausgeprägt, so im fränkischen Schillingsfürst, in Matzenbach, Teufstetten und Schopfloch, auch im Württembergischen und Rheinpfälzischen.





(Quelle: AGIR - Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens)

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