Fahrendes Volk

Jenische



Jenische ist sowohl eine Eigen- als auch Fremdbezeichnung für Angehörige eines nach landschaftlicher und sozialer Abkunft in sich heterogenen Teils der Bevölkerung in Mittel- und Westeuropa. Historisch lassen Jenische sich auf Angehörige der marginalisierten Schichten der Armutsgesellschaften der Frühen Neuzeit und des 19. Jahrhunderts zurückführen. Merkmale dieser historischen Jenischen waren ihr ökonomischer, rechtlicher und sozialer Ausschluss aus der Mehrheitsbevölkerung und eine dadurch bedingte Dauermigration. Exklusion und Migration bestehen in Restbeständen bis heute fort. Es „reist“ nur mehr ein kleiner Teil der Jenischen.

external image 310px-Jenische1928e.jpg Jenische am Lauerzersee (Schweiz), 1928

Jenischen zugeordnet wird ein eigentümliches Idiom, die aus dem Rotwelsch hervorgegangene jenische Sprache.

Bezeichnung

„Jenisch“ ist ein erstes Mal für eine Wortliste aus dem Jahr 1714 bei Friedrich Kluge (1901) angegeben, und zwar als Sprach-, nicht als Sprecherbezeichnung. Demnach seien es betrügerische Wiener „Kellner“ gewesen, die sich auf „eine gewisse Redens-Arth“ verlegt hätten, „welche sie die jenische Sprach nennen.“ Der Auszug enthält keine Hinweise darauf, dass es „Fahrende“ seien, die (ebenfalls) so sprächen. Er beschreibt die Sprache als Medium des Rechtsbruchs und die Sprecher als delinquent. Eine zweite Nennung findet sich in einer „Diebsliste“ von 1716. Sie bezieht sich räumlich auf Schwaben, die Aufgelisteten werden als „Räuber, Dieb, Beitel-Schneider und andere Jauners-Bursch“ kategorisiert. Es wird ihnen eine größere Zahl von rotwelschen Wörtern zugeordnet. Bei einem Wort ist angegeben, es sei der „jenischen Sprach“ entnommen.
Eine erste Schrift, in der das Wort „Jenische“ nicht als Fremd-, sondern als Eigenbezeichnung für Gruppen von „Fahrenden“ verwendet wird, liegt mit dem 1793 anonym veröffentlichtem Abriß des Jauner- und Bettelwesens in Schwaben vor, der meist dem Ludwigsburger Zuchthauspfarrer und Waisenhausdirektor Johann Ulrich Schöll zugeschrieben wird.
Der Verfasser beschreibt dort als eine Gegengesellschaft zur "arbeitsame[n] und erwerbende[n] Classe" und als Bedrohung der staatlichen Ordnung "ein stehendes Herr von vielen tausenden" von „Jaunern“, nämlich „herumstreichenden Dieben“, Räubern „von Profession“ sowie vagierenden gewerbsmäßigen Bettlern. In der von ihnen neben der Landessprache gesprochenen und als „Jenisch“ bezeichneten „rothwelschen“ Gruppensprache nennten sie sich auch "Jenische, d. i. Leute, die nirgends keine Niederlassung haben“.
Diebe bzw. Räuber und Bettler - als "Amphibien" auch in Doppelfunktion tätig - seien jeweils noch in weitere „Classen“ zu unterteilen. Sie wiesen bedingt durch ihre je verschiedenen Erwerbsformen Unterschiede auf, stimmten jedoch „in ihrer übrigen Lebensart, in ihren Sitten und anderen Verhältnissen überein“ und machten insofern „im Grund nur eine Gesellschaft aus“.
Nach Auffassung des Verfassers handelt es sich dabei um eine gemessen an älteren kriminellen vagierenden Gruppen junge Erscheinung. Ihre Entstehung führt er auf die Entwurzelung und erzwungene „Landstreicherey“ großer Teile der Bevölkerung, darunter brotlos gewordener Soldaten in der Folge des Dreißigjährigen Krieges zurück. Er sieht eine Kontinuität dieser Erscheinung in Schwaben durch weitere Kriege bis hin zu den Folgewirkungen der französischen Revolution. In der Beschreibung der regionalen Herkunft der „Jauner“ spricht er von zu zwei Dritteln eingeborener Schwaben, während das übrige Drittel hauptsächlich aus Bayern, Schweizern, Franken und Elsässern bestehe und auch eine inzwischen bereits abnehmende Zahl von Juden dazugehöre. Soweit die Zugehörigkeit nicht bereits durch Geburt gegeben sei, handle es sich der sozialen Herkunft nach um entlaufene Bauern, Bürger und Handwerksburschen sowie mit einem hohen Anteil um ehemalige Soldaten und Soldatenkinder.
external image 180px-Kurpf%C3%A4lzische_Diebsliste%2C_1770.jpg Kurpfälzische „Diebsliste“, 1770

Linguisten leiten übereinstimmend, aber nicht ohne Vorbehalt, den Sprachnamen und seine Ableitung für eine Sprechergruppe aus dem Romanes von „džan“ (Wolf) bzw. „džin“ (Matras) für „wissen“ ab. Im Inhalt korrespondiert „Jenisch“ damit mit dem benachbarten aus dem Jiddischen entlehnten „kochem“ (= „gescheit“), das ohne klare Abgrenzung ebenfalls als Sprachname und Bezeichnung für die Sprechergruppen („Kochemer“) verwendet wird.
Eine weitere Eigenbezeichnung (die sehr gelegentlich mehrheitsgesellschaftliche Unterstützer der durchgängig als delinquent beschriebenen Gruppen und Individuen mitmeint) ist „Platte“ (auch: „Blatte“).
Es gibt daneben eine größere Zahl von in der Regel regionalen Fremdbezeichnungen („Mäckesser“, „Pläcker“, „Fecker“, „Kiepenkerle“), denen ein früher stets abwertender, heute eher folkloristischer Inhalt gemeinsam ist.

Verbreitung

external image 180px-Wegweisungmesserligrubebeibern1977rgnant32kb.jpg Polizeiliche Wegweisung, Messerligrube bei Bern, 1977

In den deutschsprachigen Ländern, in Frankreich, den Benelux-Staaten und in Italien sind jenische Gruppen dokumentiert. Sowohl die Zahl der Menschen mit jenischer Herkunft als auch die Zahl der heute sich selbst als Jenische definierenden Menschen ist unbekannt. Allein für die Schweiz gibt es Zahlen. Dort wurden 1978/1983 zwischen 25.000 und 35.000 Menschen mit „(zumindest teilweise) jenischer Abstammung“ angenommen. Die Zahl der regelmässig aktiv Fahrenden betrug 1999 in der Schweiz nach einer Bestandsaufnahme der Nutzungszahlen der Stand- und Durchgangsplätze etwa 2.500. Ein Teil der Nichtfahrenden versucht, jenische Sprache und Traditionen in einem mehrheitsgesellschaftlichen Lebensumfeld aufrechtzuerhalten.
Im Grundsatz nicht anders zeigen sich die Lebensverhältnisse in den anderen europäischen Ländern mit jenischen Bevölkerungsgruppen.

Rechtlicher Status

Als nationale Minderheit oder als Volksgruppe sind Jenische in keinem europäischen Staat anerkannt.
Eine besondere Situation besteht in der Schweiz. Die „Fahrenden“ Schweizer Staatsbürgerschaft sind mit der Ratifizierung des Rahmenübereinkommens des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten seit 1998 als nationale Minderheit anerkannt. „Die Jenischen bilden die Hauptgruppe der Fahrenden schweizerischer Nationalität. Der Rest der Schweizer Fahrenden gehört zumeist der Gruppe der Sinti (Manusch) an. Entgegen dem Gruppenetikett spielt es keine Rolle, ob bzw. inwieweit „Fahrende“ real ortsfest oder nicht ortsfest leben.
Dem jenischen Idiom hat die Schweiz mit der Ratifizierung der europäischen Sprachencharta 1997 den Status einer „territorial nicht gebundenen Sprache“ gegeben.
Für die Schweizer Bundesbehörden ist die 1975 gegründete Radgenossenschaft der Landstrasse die wichtigste Ansprechpartnerin. Sie subventionieren sie. Dabei wird die Radgenossenschaft als Vertreterin aller "Fahrenden" gesehen und zwischen Roma und Sinti (Manusch) einerseits sowie Jenischen andererseits nicht unterschieden. Ein gemeinsames Selbstverständnis als "fahrende" Gruppen einigte lange auch die Gruppenvertreter in der "Radgenossenschaft".

external image 180px-Radgenossenschaft%2C_Selbstbeschreibung%2C_1991.jpg Selbstbeschreibung, 1991

In weiter soziografischer Definition bezeichnete sie sich als Gesamtvertretung der "Zigeuner" und beschrieb Jenische als einen "Stamm der Roma" und als aus Indien zugewandert. "Die Zigeuner bilden eine gemischte Gemeinschaft von Sinti, Romani und Jenischen, zusammengeschweisst durch ihr Schicksal, durch Verfolgung und Misstrauen der sesshaften Umwelt" (Radgenossenschaft, 1992). Seit 1979 ist die Radgenossenschaft der International Romani Union (IRU) assoziiert.
Inzwischen hat die Radgenossenschaft dieses Selbstverständnis aufgegeben. Sie bekundet nurmehr, die „Dachorganisation der Jenischen der Schweiz“ zu sein. Sie und die anderen jenischen Vereine grenzen sich von Roma und Sinti entschieden ab. Sie postulieren die Existenz eines "jenischen Volks" und für die Schweiz, daß es mit dem "Fahrenden Volk" identisch sei. Allein Jenische seien dort folglich als "Fahrende" zu sehen und rechtlich und politisch anzuerkennen.
Aufgrund internationaler gesetzlicher Vereinbarungen und gemäß Bundesgerichtsurteil sind die Kantone verpflichtet, Stand- und Durchgangsplätze für die reisenden Bevölkerungsgeruppen zu schaffen und schulpflichtigen Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen. Nebst bestehenden Standplätzen verfolgen derzeit namentlich die Regierungen der Kantone Aargau, St. Gallen, Zürich und Freiburg Projekte, um neue Plätze zu realisieren. Der 2007 eröffnete Durchgangsplatz für „Schweizer Fahrende“ in Bonaduz (Graubünden) gilt dafür als wegweisend.

Geschichte

Herkunft

external image 180px-Schongauer.jpg Im 15. Jahrhundert (Kupferstich von Martin Schongauer)

Historiker und Sozialwissenschaftler verorten die Entstehung der Jenischen oder – genauer – einer in sich nach Lebensweise, geografischer, kultureller und ökonomischer Zuordnung unterschiedlichen Bevölkerung, die einmal ausgangs des 18. Jahrhundert, etwas häufiger dann im 19. Jahrhundert die Eigen- und Fremdbezeichnung „Jenische“ trägt, am mehrheitsgesellschaftlichen Rand in der vagierenden Armut der Frühen Neuzeit. Seit einigen Jahren beschreiben manche Jenische sich mit ethnischen Kategorien als „Volk“ oder als „Volksgruppe“. Sie lehnen es dann ab, deren Entstehung auf sozioökonomische Prozesse zurückzuführen (Soziogenese), und bevorzugen eine kollektive ethnisch-biologische oder ethnisch-kulturelle Abkunft (Ethnogenese), die teils als „ungeklärt“ beschrieben und unbestimmt ins Dunkel geschichtlicher Zeiten gelegt, teils mit weit zurückreichenden konkreten Herkunftsmythen begründet wird. Gemeinsam ist diesen Vorstellungen die Annahme einer ethnischen relativen Geschlossenheit und Einheitlichkeit und eines entweder kulturell oder biologisch-genetisch als kollektives Persönlichkeitsmerkmal tradierten Nomadentums. Demnach gebe es eine kollektive Herkunft
  • von den als „nomadisch“ betrachteten Helvetiern. Dabei beruft man sich auf Aussagen in Caesars Werk über den Gallischen Krieg.
  • von „fahrenden Rittern und Sängern des Mittelalters“ vor allem am „vagierenden Kaiserhof“ Karls des Großen
  • von „nomadisierenden“ indischen Vorgängern der „Zigeuner“. Jenische sowie Sinti und Roma sind demnach eines ethnischen Ursprungs. Diesen Mythos machte sich die schweizerische Radgenossenschaft der Landstraße zu eigen und verwendete sie als Begründung für ihr erfolgreiches Beitrittsersuchen zur International Romani Union.
  • von einer europäisch-kleinasiatischen „wilden“ Urbevölkerung tribalistischer „Nomaden“ bzw. von einer osteuropäisch-kleinasiatischen Teilbevölkerung in einem jüdisch beherrschten mittelalterlichen „riesigen Reich der mittelalterlichen Chazaren“, worauf die jiddische Komponente im Jenischen zurückgehen könne.
  • von den als „nomadisch“ betrachteten Kelten
  • von einer „nomadisch“ lebenden alteuropäischen Bevölkerung von „Wildbeutern“, die den Übergang zur Sesshaftigkeit vor Tausenden von Jahren nicht mitvollzogen habe. Diese Auffassung ist nicht nur von einigen Jenischen zu hören, sie wurde auch in der NS-Wissenschaft von der einflussreichen Rassenhygienischen Forschungsstelle sowie von Hermann Arnold, der deren erbbiologischen und rassenhygienischen Ansatz nach 1945 fortführte, vertreten.
Als Realgeschichte werden diese Annahmen im wissenschaftlichen Raum weder diskutiert noch überhaupt rezipiert.

Mittelalter und Frühe Neuzeit

Das Wort vom „fahrenden Volk“ als Sammelbezeichnung einer diffusen Population von Gruppen und Individuen in zeitweiliger oder dauerhafter Migration ist seit dem Mittelalter geläufig. Seit der frühen Neuzeit gibt es eine deutliche Veränderung der herrschenden Blickweise. In den Schriften der Gelehrten und Gebildeten wie auch in den normativen Äußerungen der Behörden waren die Angehörigen dieser Bevölkerungsgruppen unter Generalverdacht gestellt. Diese Sicht spiegelt sich zum Beispiel wider in den Illustrationen Albrecht Dürers in Sebastian Brants Buch „das Narrenschiff“ von 1494, in Martin Schongauers Kupferstich „Leben auf der Landstraße„ von 1470 sowie das „Liber Vagatorum“ (Untertitel: „Von der falschen Bettler Büberei“), erschienen im Jahre 1510, dessen Urheberschaft ungeklärt ist.

external image 180px-Westerw%C3%A4lder_Geschirrh%C3%A4ndler%2C_17._Jh.jpg Geschirrhausierer ("Mäckes"), Westerwald, 17. Jh.

Unterschieden wurden drei Teilgruppen:
  • vagierende „Schnorr-“ bzw. „Betteljuden“
  • „Zigeuner“ bzw. - mit einem ebenfalls populären Wort - „Heiden“
  • eine sozial, kulturell und ethnisch disparate Bevölkerung von Gruppen und Individuen Marginalisierter, ökonomisch, sozial und rechtlich ausgeschlossen wie die ersten, aber diesen beiden ethnisch klar konturierten Gruppen nicht zugehörig.
Retrospektiv wenden heutige Jenische, aber auch einzelne wissenschaftliche Autoren die Gruppenbezeichnung auf diese letzte der drei Gruppen an. Während manche Jenische damit eine Herleitung und Kontinuitätsbildung im Sinne eines Volkskonzepts verknüpfen, gehen Armuts-, Migrations- und Randgruppenforscher ausnahmslos von einer nichtethnischen, relativ uneinheitlich bleibenden Formierung am gesellschaftlichen Rand aus. Eine genealogisch-empirische Kontinuität der seit der ausgehenden Frühen Neuzeit so genannten „jenischen“ Familiengruppen, wie sie mitunter für den Zeitraum seit Beginn der Frühen Neuzeit, seit dem Mittelalter oder seit noch weiter zurückliegenden Zeiten behauptet wird, ist spekulativ und unbelegbar.
In Deutschland gab es seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, vermehrt aber seit etwa der Mitte des 18. Jahrhunderts Domizilierungsangebote der Landesherren kleiner Territorien für Angehörige des nicht in einen Untertanenverband einbezogenen exkludierten Bevölkerungsteils in der Absicht, das Abgabenaufkommen zu erhöhen. So entstanden vor allem im südwestdeutschen Raum und in der Pfalz „Hausierdörfer“ und -wohnplätze. Hier lebten auf landwirtschaftlich meist wenig ergiebigen Böden nebeneinander sowohl Jenische wie auch einzelne Sinti-Familien.

19. Jahrhundert

Zu einem zweiten starken Niederlassungsschub führte in den mitteleuropäischen Staaten um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Einführung der Freizügigkeit. Hatten die Ortsgemeinden bis dahin durch lokale Vorschriften (Einzugsgeld und andere Abgabenverpflichtungen) den Zuzug regulieren und Unerwünschte, d. h. vor allem Arme, fernhalten können, zwangen zentralstaatliche Vorschriften sie nun, auch diese zu akzeptieren, falls sie entweder im Ort geboren waren oder dort eine bestimmte Zahl von Jahren gemeldet waren.
external image 180px-M%C3%A4ckes%2C_Westerwald-Siegerland%2C_Mitte_19._Jh.jpg Jenischer Geschirrhausierer ("Mäckes"), Westerwald-Siegerland,
Mitte 19. Jh.

Mit dem Niederlassungsrecht ging eine kommunale Versorgungspflicht einher. Gemeinden versuchten sich mit juristischen Mitteln gegen den Zuzug zur Wehr zu setzen, aber es kam auch zu massiven Übergriffen aus der Mehrheitsbevölkerung gegen niederlassungswillige Jenische und Sinti. Da die Ausstellung von Gewerbescheinen in aller Regel an den Nachweis eines festen Aufenthaltsorts gebunden war, ging es für viele „Reisende“ um eine existentielle Frage. So hatte es im Preußen des 19. Jahrhunderts zunächst ein „Heimatrecht“ qua Geburt gegeben. 1842 wurde es von dem Gesetz über den Unterstützungswohnsitz abgelöst. Es gewährte ein Unterstützungsanrecht aufgrund länger bestehenden Wohnsitzes in einer Gemeinde auch Nichtgemeindebürgern. Es bewirkte die Begründung einer großen Zahl von regulären wie von „wilden“ Wohnplätzen der migrierenden Armut an der Peripherie der Dörfer und Städte. Sie und ihre Bewohner wurden regelmäßig stigmatisiert und waren Anfeindungen bis hin zu physischen Angriffen durch die eingesessene Bevölkerung ausgesetzt. In der Schweizer Bundesverfassung von 1848 wurden Maßregeln verankert, mit denen der migrierende Bevölkerungsteil domiziliert und die Entstehung neuer „Heimatlosigkeit“ verhindert werden sollten. Dem folgte das Bundesgesetz vom 3. Dezember 1850 „betreffend die Heimatlosigkeit“. Es verpflichtete die Kantone und damit die Unterbehörden zur Aufnahme.

external image 180px-Jenische_um1890_Muotathal_CHe.jpg Jenische im Muotathal (Schweiz) um 1890

Maßgabe dafür waren angenommene oder tatsächliche biografische Bindungen an einen Ort. Die Gemeinden versuchten, die „Heimatlosen“ mit juristischen Mitteln abzuwehren, von denen viele froh waren, endlich über ein Heimatrecht zu verfügen. Es ermöglichte ihnen, sich die für ihre Erwerbsweise entscheidend wichtigen „Heimatscheine“ ausstellen zu lassen. Die Zuweisungen erfolgten weitgehend in arme und entlegene Gebieten, so etwa in die Sumpfgebiete der Linthebene und in Bergdörfer des Kantons Graubünden.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es zu einschneidenden Veränderungen:
  • Die Möglichkeit zu industrieller Lohnarbeit,
  • die Möglichkeit und der Zwang zur festen Niederlassung, wie er z. B. mit der allgemeinen Schulpflicht administrativ, aber auch durch polizeiliche Vorschriften und Maßnahmen ausgeübt wurde,
  • die kostengünstigere industrielle Produktion der herkömmlichen Hausierwaren,
  • die flächendeckende Entstehung stationärer Vertriebsstellen im Zuge einer wachsenden Kaufkraft der Bevölkerung,
  • die Entstehung einer modernen Armenunterstützung, die an ein festes Wohnen und an die Möglichkeit des ständigen administrativen Zugriffs auf die Klienten gebunden war
entzogen zum einen der überkommenen Erwerbs- und Lebensweise die Grundlagen und eröffneten zum anderen den vormaligen Altstoffsammlern, Hausierhändlern und Kleinhandwerkern die Möglichkeit, von der labilen Existenzform der Dauermigration in die relative Stabilität einer ortsfesten Existenz zu wechseln, was seit etwa dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in großer Zahl geschah. Die soziale Marginalisierung war damit jedoch nicht beendet. Die mehrheitsgesellschaftliche Wahrnehmung, die traditionellen antiziganistischen Vorurteilskomplexe gegen „Mäckeser“, „Fecker“ usw. blieben davon unberührt.
Mit dem gemeinsamen Wohnen der Angehörigen exkludierter Gruppen an meist peripheren Wohnplätzen, gab es eine vermehrte Annäherung der bis dahin voneinander relativ distanzierten Gruppen der Sinti wie der mehrheitsgesellschaftlichen „Reisenden“. Das endogame Heiratsmuster innerhalb der jeweiligen Gruppen verlor an Bedeutung. Es entwickelten sich der kulturelle und sprachliche Austausch. Ein gutes Beispiel dafür sind die Jenischen in Gießen, die sich dort im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts niederließen. Ihr Idiom hat einen sehr hohen Romanesanteil. Es wird von ihnen als „Manisch“ bezeichnet.

external image 180px-Gie%C3%9Fen%2C_Margaretenh%C3%BCtte.jpg Gießen, Peripheriesiedlung Margaretenhütte, um 1930

Soweit Jenische noch dauerhaft „reisten“, taten sie es nun möglichst in bis dahin nicht verwendeten Wohnwagen. Eine Kombination unterschiedlicher Handels- und Handwerkstätigkeiten blieb bei begrenzter Anpassung an die veränderten wirtschaftlichen Erfordernisse ihre Lebensgrundlage. Mit Korb- und Siebmachen, Scherenschleifen, Kessel- oder Schirmflicken, mit ambulantem Irdengeschirr- und Porzellanhandel, oft in Verbindung mit dem Altstoffsammeln behielten sie die traditionelle Erwerbsweise bei.

20. Jahrhundert


external image 180px-JenischerScherenschleifer1900.jpg Jenischer Scherenschleifer Lorenz Trapp aus Augsburg, um 1930

Während die subproletarischen Gruppen in der organisierten Arbeiterbewegung abwertend als „Lumpenproletariat“ betrachtet wurden, sahen einige Anarchisten wie Erich Mühsam, Fritz Brupbacher oder Bakunin um die Wende vom 19. auf das 20. Jahrhundert in „Tippelbrüdern“, „Kunden“ und anderen „Ausgestoßenen der Gesellschaft“ ein politisierbares antibürgerliches Potenzial: „Verbrecher, Landstreicher, Huren und Künstler – das ist die Bohème, die einer neuen Kultur den Weg weist.“ (Erich Mühsam) Die romantische Umdeutung des Subproletariats in eine positive gesellschaftliche Kraft erwies sich rasch als Irrweg, nachdem die ins Auge gefassten Zielgruppen weder für die politische Auseinandersetzung noch für weitergesteckte politische Perspektiven zu gewinnen waren.

Jenische im Nationalsozialismus

Die seit Mitte der 1930er Jahren von den Nationalsozialisten erheblich verschärften Maßnahmen zur „Bekämpfung der Zigeunerplage“ richteten sich schon vor 1933 nicht nur gegen Sinti und Roma, sondern zugleich gegen „nach Zigeunerart umherziehende Landfahrer“, womit vorab Jenische gemeint waren. Vermehrt wurden nun Wandergewerbescheine verweigert oder Kinder in Fürsorgeerziehung überwiesen. Der „Grundlegende Erlass über die vorbeugende Verbrechensbekämpfung durch die Polizei“ vom 14. Dezember 1937 ermöglichte eine polizeiliche „Vorbeugungshaft“ gegen „Zigeuner“, aber auch gegen Jenische. Reichsweiten Verhaftungsaktionen der Gestapo im April und im Juni 1938 (Aktion „Arbeitsscheu Reich“) folgten Deportationen von Sinti, Roma und Jenischen in Konzentrationslager wie Buchenwald, Dachau oder Neuengamme.
Für die nationalsozialistische „Zigeuner- und Asozialenforschung“, vor allem durch die 1936 eingerichtete Rassenhygienische und erbbiologische Forschungsstelle im Reichsgesundheitsamt unter ihrem Leiter Robert Ritter, standen „Zigeuner“ im Mittelpunkt des Interesses. Sie richtete ihren Blick auch auf Jenische. Soweit sie auch diese erfasste, kategorisierte sie sie nach erbbiologischen Kriterien meist als „Nichtzigeuner“. Das bedeutete keine Gleichstellung mit den übrigen Angehörigen der „deutschen Volksgemeinschaft“, sondern eine Aussonderung als „minderwertig“. Falls in den von Ritter und seinem Personal erfassten jenischen Genealogien Sinti oder Roma auftraten, lautete die Rassendiagnose „Zigeunermischlinge“. Anders als bei der jüdischen Minderheit galten auf diesem Feld nationalsozialistischer Forschung „Mischlinge“ als besonders gefährliche Krankheitserreger am „deutschen Volkskörper“. Sterilisierung und physische Vernichtung als die extremsten Formen nationalsozialistischer Rassenpolitik betrafen auch eine unbekannte Zahl von Jenischen. Die im Gefolge des HimmlerschenAuschwitz-Erlasses“ vom 16. Dezember 1942 im März 1943 einsetzenden Deportationen in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, das nur wenige überlebten, galten vor allem „Zigeunermischlingen“. Es dürften davon auch entsprechend eingeordnete Jenische betroffen gewesen sein.
Die Geschichte der Jenischen im Nationalsozialismus ist wenig erforscht. Eine Gleichsetzung der Verfolgungsgeschichte der Jenischen mit der der europäischen Roma gibt es in der Forschung nicht. In dem Text für das Berliner Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma beschränken die Autoren sich auf die Feststellung, daß "auch Angehörige der eigenständigen Opfergruppe der Jenischen und andere Fahrende" "von Verfolgungsmaßnahmen betroffen" gewesen seien.

Das schweizerische „Hilfswerk Kinder der Landstrasse“

In der Schweiz wurden von den 1920er bis in die 1970er Jahre hinein u. a. Kinder aus jenischen Familien durch das „Hilfswerk Kinder der Landstrasse“ zwangsweise von ihren Eltern und Familien getrennt und mehrheitsgesellschaftlichen Fremdfamilien oder staatlichen Erziehungseinrichtungen übergeben wurden. Erwachsene Jenische wurden in diesem Zeitraum zwangssterilisiert. Zur Begründung hieß es, die Lebensweise der Fahrenden ziehe eine allgemeine Drückebergerei, Kriminalität und Unmoral nach sich. Sie verursache hohe staatliche Sozialkosten. Eingliederungsmaßnahmen blieben wirkungslos. „Wer die Landfahrerei wirksam bekämpfen will, muss versuchen, die Gemeinschaft der Fahrenden zu sprengen. Auch wenn das hart klingen mag – er muss der familiären Gemeinschaft ein Ende setzen. Eine andere Lösung gibt es nicht“, schrieb Dr. Alfred Siegfried, der das „Hilfswerk“ von der Gründung 1926 bis zu seiner Pensionierung 1959 leitete. Da die Schweizer Jenischen die Mehrheit der Schweizer Fahrenden stellten, waren sie die Hauptbetroffenen dieser Politik.

Staatliche Verfolgung und ihre strafrechtliche Bewertung

Die kritische Auseinandersetzung seit den 1970er Jahren in der Schweizer Gesellschaft mit der Verfolgung Jenischer durch das „Hilfswerk Kinder der Landstraße“ beendete nicht nur die Kindswegnahmen, sie führte auch zur Konstituierung einer von Jenischen, Roma und mehrheitsgesellschaftlichen Unterstützern getragenen sozialen Bewegung, die ein generelles Ende diskriminierender Praktiken, die Schutzrechte, materielle Entschädigung und eine strafrechtliche Ahndung des Unrechts an „Fahrenden“ einforderte. Ganz ähnlich wenngleich etwa drei Jahrzehnte später und ohne die breite gesellschaftliche Diskussion wie in der Schweiz verwiesen deutsche Jenische mit vergleichbaren Forderungen auf eine Verfolgung ihrer Gruppe im Nationalsozialismus.
In den Mittelpunkt stellen jenische Interessenvertretungen heute die Frage des Völkermords. Sie beziehen sich dabei auf Artikel II (e) der UNO-Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermords und auf die von dort in das nationale Strafrecht übernommenen Normierungen.
Die UNO-Konvention von 1948 qualifiziert die gewaltsame Überführung von Kindern einer „nationalen, ethnischen, rassischen oder religiösen Gruppe“ in eine andere Gruppe in der Absicht, sie ganz oder teilweise zu zerstören als „Völkermord“ und damit als „Verbrechen gemäss internationalem Recht“. Das deutsche Strafrecht sanktioniert im § 220a StGB die vorsätzliche Zerstörung einer „nationale(n), rassische(n), religiöse(n) oder durch ihr Volkstum bestimmte(n) Gruppe“ ebenso als „Völkermord“ wie das schweizerische Strafrecht im Art. 264 StGB mit Blick auf „eine durch ihre Staatsangehörigkeit, Rasse, Religion oder ethnische Zugehörigkeit gekennzeichnete Gruppe“. Artikel II (d) der UNO-Konvention ächtet ferner die Verhängung von Maßnahmen, die auf die Geburtenverhinderung innerhalb solcher Gruppen gerichtet sind. Auch hier folgt das nationale Strafrecht jeweils der Konvention. Manche Juristen betrachten den Tatbestand des Völkermords an den Schweizer Fahrenden als durch das „Hilfswerk Kinder der Landstrasse“ und seine staatlichen Auftraggeber erfüllt. Es handle sich im übrigen um ein Verbrechen, das nicht verjähre. Eine Strafverfolgung hat es bis heute nicht gegeben.
Der springende Punkt ist die Frage, ob Jenische einer der genannten Gruppen zuzurechnen seien, was in Rechtsprechung, Politik, Gesellschaft und Forschung ganz überwiegend verneint wird und unter Jenischen umstritten ist. Deutsche, Schweizer und österreichische jenische Interessenvertretungen beschreiben vor diesem Hintergrund ihre Gruppe seit einiger Zeit als ein „Volk“ bzw. als eine „Volksgruppe“ und parallelisieren deren Geschichte im Nationalsozialismus mit dem Schicksal der Roma und Sinti. Politik und Forschung unterstützten sie dabei bislang nicht. Der Versuch, diese Position – Jenische als kollektive Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik – im Diskurs um ein Mahnmal für die ermordeten Roma und Sinti mehrheitsfähig zu machen und in den Mahnmaltext einzubringen, war nicht erfolgreich.

Kunst und Kultur

external image 180px-JenischeOstschweiz1900.jpg Jenische, um 1900

Unterhaltende Künste

Zirkus, Schaustellerei

Neben ambulantem Handel und Handwerk haben Menschen des migrierenden Bevölkerungsteils als Gaukler, Artisten, Komödianten oder Musiker stets auch unterhaltende Dienstleistungen auf den Märkten, Messen und Festen angeboten, um ihre Existenz sichern zu können. Als im 19. Jahrhundert der Zirkus aufkam, war mancher von ihnen als Artist dabei. Ein berühmtes Beispiel ist die badisch-elsässische Artistenfamilie Traber, deren artistische Tradition nach eigener Auskunft bis ins 18. Jahrhundert zurückgeht. Bis heute finden sich Menschen mit jenischem Selbstverständnis oder jenischer Herkunft auf allen Ebenen des Zirkus- und Schaustellermilieus. Sie grenzen sich dort von den als „Privaten“ bezeichneten Geschäftsinhabern aus der Mehrheitsbevölkerung ab. Das im Milieu gesprochene Idiom ist sowohl vom Jenischen wie vom Romanes geprägt. Es ist eine berufsfeldtypische Variante des Jenischen.

Musik


external image 140px-Fraenzlimusik.jpg Fränzli Waser (2. v. l.)

In alemannisch-bayrischen Gebieten sind jenische Löffel- und Handorgelspieler regionale Berühmtheiten. Der blinde Geiger Fränzli Waser prägte einen eigenen Stil des schweizerischen Ländlers, welcher heute unter dem Namen Fränzli-Musik meist als bündnerische Spezialität wahrgenommen wird.
1978 wurde von der Gruppe HölzerLips das Album Jenischer Schall aufgenommen. Viele der Lieder enthalten Formulierungen im jenischen Idiom. Die Produktion ist Zeugnis einer Wertschätzung jenischer Kultur durch Menschen aus der Mehrheitsbevölkerung, die in den 1970er Jahren im Umfeld der Hippie-Bewegung als eine Art Zigeuner-Kultur wahrgenommen wurde. Man fühlte sich ihr in gewisser Weise verbunden und wandte romantisierende „Zigeuner“-Klischees auf sie an.

external image 140px-Stephan-Eicher-11-2002.jpg Stephan Eicher, München, Muffathalle, 2002

Der jenische (Rock-)Chansonnier Stephan Eicher wurde im deutschsprachigen Raum in den 1980ern bekannt mit der NDW-Chartsingle Eisbär, danach europaweit mit diversen Alben, Tourneen und Nummer-Eins-Hits in Frankreich und der Schweiz. Seit den 1990ern ist er vor allem in Frankreich ein Star.
Eine aktuelle luxemburgische Gruppe ist das Duo „D‘Lompekréimer“ (Lumpenkrämer). Die Texte sind auf Jenisch, Letzeburgisch, Deutsch, Französisch und Englisch.

Kunsthandwerk

Manche Jenische beweisen nicht nur handwerkliches Geschick bei der Herstellung von Korbwaren oder Schnitzereien, sondern stellen kunsthandwerklich bemerkenswerte geflochtene Stühle, Bugholz- und Rattanmöbel her. Ihre Produkte bieten sie an hervorgehobenen Punkten an den Straßen, auf Märkten und mit abnehmender Häufigkeit als Hausierware an. Das Museum der Kulturen Basel besitzt eine umfangreiche Sammlung jenischer Kunsthandwerksarbeiten, die vor allem auf die intensive Zusammenarbeit des Museums mit Engelbert Wittich zurückgeht, in der permanenten Ausstellung jedoch nicht zu sehen ist. Jenische in Frankreich und den Benelux-Staaten stellen auch künstlerische Zinn- und Kupferwaren her.

Bildende Kunst

Der Schweizer Walter Wegmüller (* 1937) ist vor allem durch seine Tarotkarten bekannt geworden. Er ist aber neben seinem malerischen Werk auch plastisch tätig, hat an mehreren Filmen mitgewirkt, eine Swatch-Uhr (Oracolo) gestaltet usw. 1972/73 machte er auch einen „Ausflug“ in die Musik: The 7up-Sessions mit Timothy Leary, Sergius Golowin und Brian Barrit und veröffentlichte die LP TAROT, kosmische Musik mit Klaus Schulze, Walter Westrupp und vielen anderen. Er ist Mitglied der Künstlergruppen „Farnsburggruppe“ und „visarte“. In den 1970er Jahren war er Mitbegründer und Aktivist der Radgenossenschaft der Landstrasse, 2007 nahm er an der „Tagung jenischer Kulturschaffender“ des Vereins „schäft qwant“ teil.
Martin Schauer (* 1981) ist ein jenischer Künstler aus Innsbruck. Er lebt als freischaffender Künstler und arbeitet in den Techniken Acryl, Aquarell, Buntstifte und Mischtechniken auf Papier beziehungsweise Leinwand.
Der Schweizer Ernst Spichiger (*1951) fand als Opfer von Kinder der Landstrasse erst spät den Weg zu seiner Verwandtschaft und Abstammung. Seine Bilder, meist Öl auf Leinwand, zum Teil auch Collagetechniken, zeigen einerseits die Landschaften seines Lebens, andererseits oft aber auch die thematische Verarbeitung seiner Abstammung und des Umgangs der Gesellschaft mit seiner Minderheit. Heute ist er Präsident des Vereins Schinagl und lebt als reisender Künstler im Wohnwagen.
Unter dem Namen „Luis“ (Luis Lucke, *1956) wird auf den Webseiten des Jenischen Kulturverbandes Österreich ein weiterer jenischer Künstler vorgestellt. Luis wurde als 14. Kind in eine jenische Großfamilie hineingeboren. Sein Vater war schon als Regionalkünstler in Tirol und Umgebung tätig und bekannt. Luis wurde im Alter von ca. 6 Jahren in ein Erziehungsheim verschleppt. Dort wurde er schwer misshandelt. In Frankreich (Lyon) konnte er seine Techniken perfektionieren.

Jenische Sprache und Literatur

Da Jenisch keine Vollsprache ist, sondern aus einem nicht sehr umfangreichen separaten Sonderwortschatz des Deutschen besteht, sind seine kommunikativen Möglichkeiten eng begrenzt. Es ist nicht möglich, im Jenischen umfangreiche und komplexe Sachverhalte in ausführlichen Texten darzustellen. Demzufolge veröffentlichen Autoren mit jenischem Selbstverständnis in der Sprache der Mehrheitsgesellschaft. Die seltenen literarischen Texte jenischer Sprache beschränken sich auf Kleinformen.
In Deutschland veröffentlichte Engelbert Wittich (1878-1937) Folkloristisches und Kulturgeschichtliches über Sinti und Jenische. Er publizierte auch Gedichte und Lieder auf Jenisch. Der schweizerische Jenische Albert Minder (1879-1965) publizierte 1948 die „Korber-Chronik“, eine Art Sittengemälde der Jenischen in der Schweiz des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Die schweizerische Jenische Mariella Mehr (*1947) wurde durch ihre Schriften über ihre Vergangenheit als Opfer des Hilfswerks Kinder der Landstrasse international bekannt. Der österreichische Jenische Romed Mungenast (1953-2006) publizierte in Deutsch und Jenisch vor allem Kurztexte und Gedichte. Die österreichische Jenische Simone Schönett (*1972) verarbeitete in ihrem Roman „Im Moos“ ihre Kindheit in Österreich. Der schweizerische Jenische Peter Paul Moser (1926-2003) veröffentlichte im Eigenverlag eine dreibändige Autobiographie mit vielen Reprints von Dokumenten aus seiner Akte als Opfer des Hilfswerks Kinder der Landstrasse. Der schweizerische Jenische Venanz Nobel (*1956) publiziert in deutscher Sprache Zeitungsartikel und Buchbeiträge über die Geschichte der Jenischen und jenisches Leben heute. Helga Röder (* 1929) schrieb zwei dokumentarisch-biographische Romane.

Feste und kulturelle Anlässe


external image 180px-FeckerchilbiGersau19jhdt.jpg Feckerchilbi im 19. Jahrhundert

Von 1722 bis 1817 gab es in Gersau am Vierwaldstättersee - bis 1798 selbständige Republik - eine alljährliche „Feckerchilbi“. „Fecker“ (auch: „Fekker“) ist ein deutschschweizerisches abwertendes Wort für Angehörige des migrierenden mehrheitsgesellschaftlichen Rands. Hier durften sie wie auch auf anderen Jahrmärkten ihre handwerklichen, Dienstleistungs- und Unterhaltungsleistungen mit behördlicher Zustimmung anbieten. 1832 wurde der Gersauer „Fecker“-Jahrmarkt verboten. Nach der Konstituierung von Selbstorganisationen von „Fahrenden“ griff man 150 Jahre später die alte Tradition erneut auf. Seit 1982 bis ans Ende des Jahrzehnts fand wieder eine jährliche „Feckerchilbi“ statt. Seitdem gibt es sie in unregelmäßigen Abständen. Mit ihrer Beteiligung von Jenischen und Sinti ist sie ein gesuchter touristischer Anziehungspunkt und zugleich ein wichtiger Ort minderheitlicher Kommunikation und Selbstbestätigung. Ähnliches ist zu sagen über die 1973 gegründete Fête de la Brocante in Le Landeron ein weiteres modernes Pendant. Auch wenn bis heute Sinti und Jenische regelmäßig als Marktbeschicker und Schausteller tätig sind, so sind doch Treffpunkte herausragender Bedeutung wie die genannten aus anderen west- und mitteleuropäischen Ländern nicht bekannt.
Die meisten Feste und Anlässe von Jenischen finden privat statt. Neben familiären Anlässen wie Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen, bei denen sich oft mehrere hundert Leute treffen, gibt es auch jenisches Volksbrauchtum, das nicht preisgegeben wird. Öffentliche Anlässe der Jenischen sind eigene Wallfahrten, etwa zum Kloster Einsiedeln, und die Feckerchilbi. Regelmäßig fahren auch Jenische nach Saintes-Maries-de-la-Mer zur Wallfahrt zu Ehren ihrer Schutzheiligen Sarah.

external image 180px-Bootsch_wurf3.jpg Bootsch-Turnier 2005

Sport

Aktiv Sport treibende Jenische leben meist sesshaft. Mannschaftssport betreiben sie in örtlichen Vereinen, also üblicherweise losgelöst von ihren kulturellen Zusammenhängen. In Ichenhausen (Bayern) gibt es einen Fußballverein mit jenischem Selbstverständnis.
Das Bootschen ist ein traditionelles jenisches Spiel, das neuerdings durch die Austragung von Turnieren einen neuen Aufschwung erlebt.

Ähnliche Gruppen

Da Marginalisierungs- und Exklusionsprozesse und deren Verfestigung keine ethnische oder territoriale Besonderheit, sondern universal und überzeitlich sind, gab und gibt es soziokulturell ähnliche Gruppen auch anderswo, so etwa die Burakumin in Japan, die Pavee in den angelsächsischen Ländern, die Quinqui in Spanien, die Roma, die Sarmastaari in Baluchistan oder die Gadawan Kura („Hyänen-Menschen“), die als Gaukler und Wunderheiler durch Nigeria ziehen.
Auf internationaler politischer Ebene werden die Nichtroma-Gruppen in Europa oft unter dem Überbegriff „Travellers“ zusammengefasst, so im Fall des European Roma and Traveller Forum, einer dem Europarat assoziierten Nichtregierungsorganisation in Straßburg.

Organisationen der Jenischen

external image 180px-1975rggruendung16kb.jpg Gründungsversammlung der Radgenossenschaft, Bern, 1975

Nach den öffentlichen Protesten gegen das Hilfswerk Kinder der Landstrasse entstanden in der Schweiz auch mit der Entstehung einer sozialen Bewegung erste jenische Organisationen.
Die Radgenossenschaft der Landstrasse wurde 1975 gegründet und hat seit den 1980er Jahren in der Schweiz den Status einer staatlich anerkannten Dachorganisation der „Fahrenden“. Sie ist Mitglied der International Romani Union (IRU). Unbeachtlich der starken Dominanz jenischer Interessen ist sie die einzige jenische Organisation, die auch Sinti und Roma mitzuvertreten gehalten ist. Die Mitgliedschaft in der IRU und die Mitvertretung auch von Roma-Interessen werden von den österreichischen und deutschen jenischen Vereinen entschieden kritisiert und abgelehnt.
Die Genossenschaft fahrendes Zigeuner-Kultur-Zentrum gründete sich 1984 als nichtjenische Abspaltung von der Radgenossenschaft mit dem Ziel, die Zusammenarbeit von Jenischen, Sinti und Roma zu verbessern und in diesem Sinn Öffentlichkeitsarbeit zu leisten.
Die Organisation Naschet Jenische ist eine Selbstorganisation von Opfern des sogenannten Hilfswerk Kinder der Landstrasse. Sie handelte mit den Schweizer Behörden Wiedergutmachungszahlungen und Akteneinsichtsrechte für die Betroffenen aus.
Der Verein Schinagel hat sich zum Ziel gesetzt, mittels neuer Berufsbildungsprogramme an neue wirtschaftliche Umgebungen angepasste fahrende Lebensweisen zu ermöglichen.
Der Jenische Kulturverband Oesterreich ist die erste Organisation Jenischer außerhalb der Schweiz.
Der Verein der Jenischen e. V. in Singen ist eine der ersten Organisation Jenischer in Deutschland.
Anfang 2006 wurde in Deutschland durch den Zusammenschluss von mehreren kleineren Vereinen der Jenische Bund in Deutschland & Europa e. V. als bundesweite Vereinigung mit angeschlossenen Landesverbänden gegründet.
Der Verein Schäft qwant fasst als transnationaler Verein für jenische Zusammenarbeit und Kulturaustausch auf seiner Homepage die nationalen Organisationen der Jenischen zusammen und vertritt 16 ihm angeschlossene Vereine aus 6 Ländern.
Die im Mai 2006 gegründete UJME, Union der Jenischen Minderheit in Europa i. Gr., will in ihrem Europarat die Zusammenarbeit und den Kontakt zwischen den jenischen Vereinen Europas fördern sowie deren Europa-Politik aufeinander abstimmen.




(Quelle: http://de.wikipedia.org)

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