Fahrendes Volk

Bruderschaft der Vagabunden



Die Bruderschaft wurde 1927 von Gregor Gog ins Leben gerufen. Ihr Schutzpatron war Till Eulenspiegel.
Die herausgegebene Zeitschrift hieß "Der Kunde". Sie einte das Ziel, all jene Arbeiter zusammenzufassen, die der Kapitalismus auf die Landstraßen geworfen hatte.
Zunächst ging es aber um die Hebung des Selbstbewußtseins, das Erkennen der eigenen Lage in den gesellschaftlichen Zusammenhängen, um Solidarität und gegenseitige Hilfe. In der Sammlung der Kräfte sah die Bruderschaft eine Vorbedingung zum Sturz der bestehenden Ordnung.
Die Vagabundenbewegung lehnte staatliche und kirchliche Fürsorgeeinrichtungen (Herbergen, Wanderarbeitsstätten) wie jegliche Formen der Armutsverwaltung grundsätzlich ab. Sie setzte auf Selbsthilfe: Von Kunden selbst aufgebaute Herbergen sollten an ihre Stelle treten, um sich so der Kontrolle der bürgerlichen Gesellschaft zu entziehen (eine Forderung, die sich auch schon bei Mühsam und der Gruppe "Tat" findet). Ihre Kritik schließt die Erwerbslosenunterstützung als Gängelband des Staates mit ein.

Bald ging die Bruderschaft dazu über, öffentliche Versammlungen zu organisieren. Der erste öffentliche "Vagabundenabend" findet am 14. April 1928 in Stuttgart statt; es folgen weitere in Berlin, Mannheim, Hamburg und Dortmund.

In ihren Versammlungen und der Zeitschrift "Der Kunde" wendeten sich die Vagabunden nicht nur gegen die Arbeitsdienstpflicht und Zwangsarbeitsstätten, sondern gegen jegliche Form der Lohnarbeit. Sie erklärten sich selbst für "bewußt 'faul'" (Gog). "Seine Aufgabe ist in dieser Welt nicht die spiessbürgerliche Arbeit. Diese Arbeit wäre Mithilfe zur weiteren Versklavung, wäre Arbeit an der bürgerlichen Hölle! Sklavendienst zum Schutze und zur Erhaltung der Unterdrücker! Der Kunde, revolutionärer als alle Kämpfer, hat die volle Entscheidung getroffen: Generalstreik das Leben lang! Lebenslänglicher Generalstreik! Nur durch einen solchen Generalstreik ist es möglich, die kapitalistische, 'christliche', kerkerbauende Gesellschaft ins Wackeln, ins Wanken, zu Fall zu bringen!" Wenn sie sich vom Gängelband lösen wollten, mussten sich die Kunden gegen Staat und Kirche, die Stützen der bestehenden Ordnung, auflehnen: "Der Staat ist nur der Zuhälter der Kirche; darum bekämpfen wir ihn nur als das, was er ist: als den Zuhälter der Kirche. Der Staat fällt mit der Kirche. Die Kirche ist das geistige Nachthaus, die Nacht der Finsternis, die verschleiert, dass hinter dieser Welt eine andere ist. Sie verlegt das Jenseits über die Wolken - diese 'Lügnerin von Anbeginn'!
Die Erde ist ein wunderbares Haus und Feld, und alles, was die sesshafte und nichtsesshafte Menschheit leidet, stammt aus den künstlich geschaffenen Grenzen, Grenzen, die nur auf dem Papier bestehen. Oder habt ihr schon je einmal solche Grenzen, wie sie auf dem Papier bestehen, in Wirklichkeit gesehen und gefunden bei eurer Wanderung über die Erde, Kumpels?!"
Das Ziel der Vagabundenbewegung bleibt erklärtermaßen die freie, klassenlose Gesellschaft. Um frei zu werden, müssen die Vagabunden selbst handeln. Vehement wenden sie sich deshalb gegen jede Art von Bevormundung durch eine Avantgarde: "Dieser Kampf da spielt sich nicht mit einem Parteibuch in der Hand ab, der Kampf wird nicht mit dem Federhalter zwischen Daumen und Zeigefinger geführt. Diese Menschen da haben keine dickleibigen, phrasendreschenden Führer, die ihnen das Problem ihrer Freiheit aus den Nöten von Rednertribünen aus vorillusionieren."

Die "Bruderschaft der Vagabunden" bestand zu einem Großteil aus Mitstreitern, die anarchistischen Ideen nahestanden. Einige Vagabunden schrieben aber nicht nur für den "Kunden", sondern veröffentlichen auch Beiträge in anarcho-syndikalistischen Blättern: Gregor Gog beispielsweise im "Syndikalist", der Vagabund Gerhard Siegismund (gen. Siegi) in "Besinnung und Aufbruch". Die Nähe der Vagabundenbewegung zur Freien Arbeiter Union Deutschlands (FAUD) kommt nicht von ungefähr, gehören ihr doch auch ein paar aktive Mitstreiter an: Artur Streiter (1905-1946), Schriftsteller, Maler und Landstreicher aus Berlin, ist seit der Gründung beim "Kunden" und der "Bruderschaft" dabei. Dazu kommen Helmut Klose (1904-1987), Schneider, Kundendichter und Landstreicher, Hermann Giesau (von seinem Freund Landauer "Nieselprim" genannt), der schon 17 Jahre auf der Landstrasse lebt, und Karl Heinz Bodensieck, Künstler. Über diese vier Genossen kommt die enge Verbindung zur Berliner FAUD und der "Gilde freiheitlicher Bücherfreunde" (GfB) zustande.

Seit 1928 werden fieberhafte Vorbereitungen getroffen, um ein erstes "Vagabundentreffen" zu organisieren, das schließlich vom 21. bis 23. Mai 1929 mit ca. 500 Teilnehmern im Freidenker-Jugendgarten in Stuttgart stattfindet.
Die Zahlen bleiben zwar hinter den Erwartungen zurück, aber die Behörden hatten es den Organisatoren auch nicht gerade leicht gemacht.
Kunden hatten überall Flugblätter ausgelegt, viele erfuhren davon über "Mund-zu-Mund-Propaganda". Das Treffen wird ein voller Erfolg. Das Kunsthaus Hirrlinger öffnet zeitgleich seine Pforten zur ersten "Vagabunden-Kunstausstellung".
Mehr als 30 sollen noch folgen, an denen sich Mitglieder der im Frühjahr 1928 gegründeten "Künstlergruppe der Bruderschaft der Vagabunden" beteiligen. Die zweite große Vagabunden-Kunstausstellung findet am 1. Mai 1931 in den Räumen von Herwarth Waldens "Sturm" statt, auf der die Künstlergruppe ihren Anschluß an die kommunistische "Assoziation revolutionärer bildender Künstler Deutschlands" (ASSO) erklärt. Doch schon kurz nach dem Vagabundentreffen kommt es zur ersten Krise: Gog stürzt sich in die Arbeiten am Film "Vagabund" (Regie: Fritz Weiss, Erdeka-Film GmbH, Berlin), der am 16. Juni 1930 im Marmorhaus Berlin seine Uraufführung erlebt und in den darauffolgenden Monaten noch in anderen großen Berliner Filmtheatern läuft.
Die Künstlerin und Autorin Jo Mihaly, seit 1929 Mitstreiterin in der Bruderschaft und mit Gog befreundet, beschreibt das Mißtrauen und die Enttäuschung über Gog in dieser Zeit.
"Der Kunde" erscheint 1930 nicht.
Einen Monat nach der Uraufführung des Films reist Gog in die Sowjetunion. Sein besonderes Interesse gilt dem Leben der Besprisornij, der vagabundierenden Kinderbanden, die auf Geheiß des sowjetischen Erziehungsministeriums in Heimen und Kolonien "in den gesellschaftlichen Aufbauprozeß integriert" werden sollen. Gog, der leidenschaftliche Anarchist, der zusammen mit seinem Freund, dem Künstler Hans Tombrock, auf dem Vagabundentreffen noch jegliche Vereinnahmungsversuche kommunistischer Parteifunktionäre entschieden zurückgewiesen hatte, kehrt als überzeugter Kommunist nach Deutschland zurück.
Anfang 1931 gibt Gog wieder eine Zeitschrift heraus: "Der Vagabund". Sich und die "Bruderschaft der Vagabunden" erklärt er plötzlich zu einem Teil der kommunistischen Arbeiterbewegung. Die Spaltung ist bereits mitten im Gange: Gog unterscheidet nunmehr in "Kunden" und "Vagabunden". Als letztere bezeichnet er nur noch die "bewußten Landstreicher", die eine Art "Reservearmee der Arbeiterklasse" bilden sollen. Kommunistische statt anarchistisch-utopische Positionen bestimmen das Blatt. Die Losung "Generalstreik ein Leben lang" fällt zugunsten von "Wandertrieb ist Hungertrieb". Die Bruderschaft soll Wahlagitation für die KPD betreiben; Gog versucht, die Landstreicher an die Urnen zu bringen. Ende 1932 tritt Gog selbst der KPD bei.

Seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 wandelt sich die Situation auf der Landstrasse grundlegend: bis 1933 wächst die Zahl der Landstreicher auf 450.000, darunter viele Notwanderer, die von der Erwerbslosenfürsorge ausgesteuert worden waren. Zu Beginn der dreißiger Jahre gewinnen die Nazis gerade unter den jungen arbeitslosen Notwanderern zunehmend an Einfluß. Etliche füllen die Reihen der SA. Gog warnt vor dieser Entwicklung, steht aber schon weitestgehend isoliert da. Seine Wandlung zum Kommunisten hatte viele vor den Kopf gestoßen. Als erste hatten sich die libertären Vagabunden abgewandt, die die Parteidisziplin und plötzliche Staatshörigkeit Gogs grundlegend ablehnen.
Einer der ersten war der Anarcho-Syndikalist Helmut Klose. Aber auch die übrigen schreckt die Unfreiheit, die eine starre, zentralistische Organisation verheißt. Gog kannt zwar noch junge Arbeiter, Erwerbslose um sich sammeln, aber das ist nicht mehr dasselbe wie vorher. Er verliert endgültig seine Freunde und einen Großteil seiner Anhänger auf der Landstraße. 1933 existiert die Bruderschaft schon nicht mehr.
Anfang April wird Gog zusammen mit seiner Frau Anni Geiger-Gog verhaftet. Das gesamte Archiv der Bruderschaft wird von der Gestapo beschlagnahmt und abtransportiert. Während Anni wenig später freikommt, wird Gog ins KZ Heuberg gesperrt. Siebeneinhalb Monate später wird er "zur Heilbehandlung" (Wirbelsäulenleiden) entlassen. Ihm gelingt die Flucht in die Schweiz, von dort reist er im Juni 1934 weiter in die Sowjetunion. Er knüpft Kontakte zu anderen Exilanten der Bruderschaft: Jonny Rieger in Dänemark und Hans Tombrock in Schweden. Nach Jahren, die immer wieder von Krankheit gezeichnet sind, stirbt er im Oktober 1945 in einem Taschkenter Sanatorium an seinem chronischen Nierenleiden aus dem Ersten Weltkrieg.

Der Versuch der "Bruderschaft der Vagabunden", eine umfassende Selbstorganisation der Nichtsesshaften, von Vagabunden auf überregionaler Ebene zu initiieren, steht bis heute einmalig da.




(Quelle: http://www.graswurzel.net/)

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